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Die Suche nach dem richtigen Tierarzt

Ein Bericht von Anja Schütt

 

Oftmals wird von Wellensittichhaltern und auch Züchtern beklagt, dass sich die Suche nach dem geeigneten Tierarzt als außerordentlich schwierig gestaltet. Eine vorrangige Tatsache ist hierbei, dass es nicht überall vogelkundige Tierärzte (vk TÄ) gibt. Diese haben sich meistens nur in der Nähe von größeren Städten, oder in speziellen Tierkliniken angesiedelt.

Nichts desto trotz ist oder besser gesagt sollte ein allgemeiner Tierarzt (TA) trotzdem in der Lage sein, die gängigen Krankheiten bei Sittichen zu diagnostizieren und zu behandeln. Warum also kommt es immer wieder zu Missverständnissen oder einer Unzufriedenheit bei Sittichbesitzern?

Wenn man einfach mal den Faktor Unerfahrenheit oder Unwissenheit außer Acht lässt, so klappt oftmals das Zusammenspiel von TA und Tierbesitzer nicht. Ohne hier einer bestimmten Seite die Schuld aufzubürden oder eine andere in Schutz zu nehmen, soll hier ein kleiner Leitfaden zum besseren gegenseitigem Verständnis und zur Bewertung der Situation entstehen.

Jede gute Behandlung, aber auch jeder gute Eingangscheck beginnt mit einer gescheiten Anamnese. Nun ist jeder Tierarzt, egal ob vk oder nicht in einer sehr undankbaren Situation. Denn die Sittiche verstecken ihre Krankheiten, sie sind erstklassige Schauspieler, die eigentlich alle für den Vogeloskar nominiert sein müssten. Dass heisst, sie kompensieren ihre Krankheitssymptome solang es nur geht, um nicht vom Schwarm ausgestoßen zu werden, bzw. sich in selbigen ihre Position zu sichern. Somit ist der größte Teil der Sittiche, welche beim Tierarzt untersucht werden, schon in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium. Ein weiteres großes Problem besteht darin, dass dieser Vogel dann wahrscheinlich auch nur ein Leitsymptom (ein Symptom, welches für mehrere Erkrankungen spricht, z.B. Würgen, Erbrechen) zeigt. 

Und hier wird der TA in die allgemeine Anamnese einsteigen. Wichtige Punkte hierbei sind die Bestimmung des Alters, das Geschlecht, Kennzeichnung und Körpermasse. Nun ist es für den TA ein Leichtes, den Vogel zu wiegen und sich auch den Ring (Kennzeichnung) anzuschauen. Auch das Geschlecht sollte beim Wellensittich kein Problem darstellen (Papageien, deren Geschlecht laboratorisch bestimmt wird, lasse ich mal beiseite). Aber das Alter kann allein vom Besitzer des Tieres mitgeteilt werden, und auf diese Frage sollte sich demnach jeder Tierbesitzer einstellen. Kann der Zeitpunkt des Schlupfes nicht genannt werden, so sollten aber zumindest die Lebenszeit beim Besitzer und eine eventuell bekannte Vorgeschichte parat sein. Gerade das Alter spielt bei der Anamnese eine große Rolle, da gewisse Krankheiten vermehrt in gewissen Altersstufen auftreten.

Damit ist es aber noch lang nicht genug, denn die allgemeine Anamnese dient auch dazu, den Besitzer des Tieres und eine weitere allgemeine Übersicht der Lebensumstände des Tieres zu erfahren. Und hier ist es wieder die Aufgabe des Tierarztes gewisse Fragen zu stellen, bzw. auch Aufgabe des Tierbesitzers, folgende Punkte zu erfragen bzw. die Antworten parat zu haben:

Haltung: Käfig/Voliere (Größe, Einrichtung), Freiflugmöglichkeiten (Aufsicht?), Standort, Temperatur, Luftfeuchtigkeit
Ernährung: Zusammensetzung des Futters, Futterzusätze, Vitamine, Mineralstoffe, Menge!!!!
Herkunft: Wildfang, Züchter, selbst gezüchtet, Fundtier, Tierheim, Abgabe etc.
Partnertiere: überhaupt vorhanden, Spezies, deren Geschlecht und Krankheitsgeschichte, Quarantäne, Alter, eventuelle Medikamentengaben. Das Wort Spezies scheint in diesem ersten Augenblick vielleicht etwas verwirrend, aber es ist lang nicht selbstverständlich, dass ein Wellensittich auch einen Wellensittich zum Partner hat.

Sind diese Aspekte abgeklärt, so ist auch die allgemeine Anamnese abgeschlossen. Hier ist schon eindeutig erkennbar, dass dieser Ablauf kein Monolog, sondern ein ständiger Dialog zwischen beiden Parteien ist. Mehr dazu möchte ich aber nach der speziellen Anamnese erklären, welche nun folgt.

Die spezielle Anamnese, das verrät der Name, geht nun ins Eingemachte. Hier ist ganz stark der Tierbesitzer gefordert, welcher nun einmal den Zustand des Tieres schildern soll/muss. Nun kann es aber gerade auch für unerfahrene Tierhalter schwierig sein, Symptome zu erkennen oder diese zu deuten. Wäre wir alle darin perfekt, so bräuchten wir nur noch die Genehmigung zum rezeptlosen Erwerb von Medikamenten. Aber um auf den Ernst des Themas zurück zu kommen, hier ein paar Stichpunkte die jedem helfen können, vom TA erwartete Punkte zu nennen und wichtige Aspekte für eine eventuelle Krankheit zu erkennen.

Symptomatik: welche Auffälligkeiten abseits der Norm (des Normalverhaltens) zeigt der Vogel
Dauer: wie lang dauert dieser Zustand bereits an
Allgemeinbefinden/Aktivität: spielen, fressen, Körperpflege, soziales Verhalten
Futter- / Wasseraufnahme: wie oft in welchen Mengen
Kot- / Harnabsatz: auffällige Menge, Konsistenz, Verfärbung
Vorbehandlungen: frühere Erkrankungen, ihr Verlauf und die Behandlung
Verlauf der letzten Mauser: wann, wie lang, wie stark, ungewöhnliche Anzeichen

Aus diesen Punkten kann der TA einige Schlüsse über eventuelle Erkrankungen und weiteren zu erfolgenden Untersuchungen ziehen. Je mehr dieser Punkte im Dialog beantwortet werden können, umso genauer läuft die spezielle Anamnese ab. 

Mein TA hat mich all diese Punkte nicht gefragt, ist er/sie deswegen ein schlechter TA? Nein, das hat erst einmal nichts zu bedeuten. Möglicherweise hat er einige Schlüsse schon aus weiteren Symptomen gezogen. Oder aber der Tierhalter hat seine Ausführungen so umfangreich und korrekt gemacht, dass der TA bestens Bescheid weiss. Was soll ich selbst erzählen und was nicht? Grundsätzlich alles, was einem einfällt. Ein guter TA wird geduldig zuhören, oder aber auf eine sehr angenehme, freundliche Art das Gespräch unterbrechen, nachfragen oder es in eine gewisse Bahn lenken. TA, die dem Tierbesitzer das Gefühl der Klugscheißerei oder der Ungeduld vermitteln sind menschlich gesehen wohl an den falschen Beruf geraten. Soll ich etwas für das Labor mitnehmen? Wann immer man das Gefühl hat, vom Kothäufchen über Federn bis hin zu irgendwelchen beknabberten Gegenständen Dinge in die Praxis mitzunehmen, so sollte man dies tun. Diese Dinge können für die weitere Anamnese sehr wertvoll sein. Gerade Sammelkotproben sind gegenüber frisch abgestrichenen Proben im Sinne einer Untersuchung auf Endoparasiten (Wurmbefall) sehr hilfreich, da diese gerade im Anfangsstadium nicht konstant ausgeschieden werden.

Woher weiss ich dann aber, ob er der richtige Arzt für mich und mein Tier ist? Erst einmal ist das eigene Bauchgefühl immer noch das Beste. Hat man den Eindruck, dass der TA bestens straffällig gewordene Jugendliche verknacken könnte oder aber als Jäger auch keine schlechte Figur macht, dafür aber irgendwie sporadisch und mechanisch mit dem Vogel umgeht so ist er/sie wohl nicht die erste Wahl. Wichtiger aber noch, als diese gefühlsmäßigen Punkte ist die Adspektion (Besichtigung) und der Untersuchungsgang, die jeder Tierbesitzer verinnerlichen kann um so eine gute und fachkompetente Behandlung zu erkennen.

Die Adspektion, oder auch Besichtigung ist ganz einfach das, was der Name sagt. Der TA nimmt sich die Zeit, den Vogel zu beobachten, ohne ihn zu berühren. Der Vogel wird demnach im Transportkäfig verbleiben. Ist er in einer Schachtel oder nicht einsehbaren Box in die Praxis gekommen, so wird der TA ihn erst einmal umsetzen. Der TA prüft so den Allgemeinzustand, d.h. er schaut ob der Vogel plustert, schwächelt, und beobachtet die Atmung. Wichtig bei der Atmung ist, dass nach einem eventuellen Umsetzen genug Zeit bis zur Adspektion vergeht, denn jede Berührung beschleunigt die Atmung und somit die subjektive Beurteilung. Denn gerade der Unterschied in der Diagnostik zwischen Schwanzatmung (wippender Schwanz) und abgestellte Flügelatmung kann von entscheidender Bedeutung sein.

Anschließend folgt der eigentliche Untersuchungsgang. Um es hier nicht allzu wirr zu gestalten möchte ich vorweg nehmen, dass der Untersuchungsgang je nach gestellter Anamnese natürlich auch nur die für die weitere Behandlung notwendigen Schritte enthält. Daher sollten die geneigten Leser beim nächsten TA-Besuch nicht verunsichert sein, wenn der dort stattfindende Untersuchungsgang abweicht. Ich möchte hier jedoch alle Teilschritte aufzählen, die meines Erachtens grundsätzlich bei einem Eingangscheck zu erfolgen haben.

Fixiergriff/Vogelgriff: der TA muss den Vogel sicher, aber dennoch fest halten
Ernährungszustand: durch Abtasten des Vogelkörpers, durch Wiegen
Hydrationszustand: über Venenfüllzeit, bzw. Hautfaltentest
Federn/ Haut: nach Schwellungen, Ödeme, Läsionen, Ektoparasiten, Bürzeldrüse, Schnabel und Krallen
Augen: klar, anormale Veränderungen, Beläge, Tränen
Nase/Wachshaut/Nebenhöhlen: kein Ausfluss, Prüfung auf Durchlässigkeit mittels Kochsalzlösung, Deformationen, Prellungen, Granulome, Krusten, Schwämme
Schnabelhöhle: Beläge, Verschleimungen, Trockenheit, Blässe, Schwellungen, Fremdkörper
Ohren: kein Ausfluss, keine Blutungen, Gehörgang frei
Kropf: Kropfabstrich zur laboratorischen Untersuchung, Füllzustand, Fremdkörper, Entzündungen, Lage des Kropfes und Geschwulste
Kloake: Abstrich zur laboratorischen Untersuchung, Vorlagerung der Schleimhaut zur besseren Untersuchung auf Farbe, Beläge, Geschwulste, Entzündungen
Kaudale Leibeshöhle-der Bauchbereich: Muskelmagen, Darmschlingen, innere Organe (Vergrößerungen), Flüssigkeitsansammlungen, Lipome durch abtasten
Extremitäten: vergleichsweise links-rechts, erfolgt oft schon bei der Adspektion, Funktionsüberprüfung durch Bewegung, Schwellungen, Ekzeme, neurologische bedingte Behinderungen, Muskelschwäche, allgemeine Verletzungen

Hiermit soll nun auch gesagt sein, was ein TA, egal ob vk oder nicht, salopp gesagt, auf der Pfanne haben muss. Was kann der einzelne Vogelhalter tun? 

Wer Sittiche, egal ob Wellensittiche oder andere hält, kann sich über die wichtigsten Leitsymptome bzw. Krankheiten und vor allem hier die hochgradig ansteckenden, informieren. Dafür braucht man gewiss keine Hochschulreife oder gar ein veterinärmedizinisches Studium. Die Grundbegriffe und Erklärungen sind sehr einfach und strukturiert. Hier steht die breite Masse des Internets, Fachliteratur, Foren und andere Sittichhalter zur Verfügung. Vorteil hierbei ist, dass man nicht unbeleckt in die TA-Praxis geht und so die Schritte des TA besser verfolgen und hinterfragen kann.

Eine gesunde Skepsis beibehalten. Niemand soll einen TA misstrauen, nichts desto trotz kann es niemals schaden, andere Meinungen einzuholen, bzw. das Gespräch mit Gleichgesinnten, Vogelhaltern, Züchtern etc. zu suchen.

Wenn während der Untersuchung Fragen aufkommen, dann diese immer stellen. Nichts ist frustrierender, als verwirrt aus der Praxis zu kommen und nicht zu wissen, was gerade passiert ist und vor allem, warum. Die Medikamentengabe ist nicht klar? Fragen. Warum diese Untersuchung? Fragen. Und die Masterfrage aller Fragen, die jeder der mit seinem Tier in eine Behandlung geht laut stellen sollte: Warum ist es dazu gekommen und was kann ich als Halter weiter unterstützend tun? Der TA ist im Idealfall ein/e fachkompetente/r Mann/Frau, aber auch kein Zauberer. Das heisst, ohne die Vorarbeit und die nachfolgende Unterstützung des Halters werden die kranken Tiere nur eher schwerer, als leichter genesen. Ein TA, der hier auf stur schaltet, vielleicht auch noch etwas von „Das-verstehen-nur-Ärzte“ brabbelt oder gar abwinkt sollte definitiv nicht mehr aufgesucht werden und sich eher in Zukunft als Grubenarbeiter betätigen.

Wer sich meines Erachtens, und ich mache hier absolut keinen Unterschied zwischen Halter oder Züchter, diese Punkte zu Herzen nimmt und sich eine gesunde Neugierde in Hinsicht der Thematik Krankheiten beim Sittich erhält sollte ein ziemlich gutes Gespür dafür entwickeln, wie eine gute Kooperation zwischen Tier, Besitzer und TA zu erfolgen hat. Und somit sollte auch die Suche nach einem kompetenten, angenehmen TA etwas leichter sein.

 

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