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Wer sind die Elterntiere ?

Eine Frage muss neu durchdacht werden

 

Ein Bericht von Anja Schütt

Bis zum Oktober 2012 war die Frage mach den Elterntieren einer ganz bestimmten Nachzucht vorwiegend in Züchtergesprächen zu hören. Natürlich haben auch viele Wellensittichhalter den Züchter nach den Eltern ihrer gerade erworbenen Neuzugänge gefragt, meist aus Neugierde oder aber auch hinsichtlich des Farbschlages. Für Züchter jedoch ist die Frage nach den Elterntieren beim Erwerb oder aber auch später als erneute Versicherung/ Nachfrage von entscheidender Bedeutung. In Hinsicht eventueller Spalterbigkeiten oder aber auch anderen genetischen sowie optischen Merkmalen ist diese Auskunft für gute Zuchtergebnisse unerlässlich. Gern beantworten die Züchter diese Fragen.

Warum aber muss diese Frage durchdacht oder neu gestellt werden? Nun, da seit dem 31.10.2012 die Zuchtgenehmigung und die damit verbundene Pflicht zur Beringung von Wellensittichen vom Deutschen Bundestag verabschiedet wurde gilt es einige grundsätzliche Fragen näher zu erläutern, da nun jeder offiziell züchten darf. Und dies ist eine davon. Dafür möchte ich jedoch etwas weiter ausholen.

Schon heute, am  01.12.2012 lese ich Angebote, in denen unberingte Wellensittiche abgegeben werden. Die Altersangabe beschränkt sich hierbei zwischen 4 Wochen und 12 (!) Wochen. Es gab wohl einige übereifrige Neu-Züchter die mit der Ankündigung der Gesetzesverabschiedung voller Tatendrang und Vorfreude sich in die Zucht gestürzt haben.  Was man grundsätzlich von dieser Neuregelung hält muss jeder für sich selbst entscheiden und soll auch nicht Hauptthema dieses Artikels sein.

Fakt jedoch ist dass mit dieser Freigabe zur Zucht für „jedermann und überall“ auch unweigerlich die Gefahr der Verbreitung von Krankheiten ansteigt. Dies soll nun nicht pauschal heissen, dass jeder der nicht die ZG erworben hat kranke oder schlechte Tiere daheim hat. Bei weitem nicht. Gerade aber bei einer Krankheit wie PBFD, bei denen die Vögel nach der ersten Mauser durchaus wieder wie ein ganz normaler, gesunder Vogel aussehen hat der Halter manchmal keine Chance dieses zu erkennen. Denn das Virus bleibt im Vogel, wird weiter gegeben, tritt aber nur wieder an den Nachzuchten zu Tage wenn die erkrankten Tiere brüten.  Dies nennt man im Fachjargon horizontale und vertikale Ansteckung. (Horizontal von Vogel zu Vogel, Vertikal vom Elterntier zur Nachzucht). Leider gibt es viele solcher Krankheiten die sowohl horizontal als auch Vertikal weitergegeben werden und zusätzlich auch latent (versteckt ) über Monate und Jahre schlummern. Weiterhin haben viele ehemalige Halter, die nun Freude an der Zucht finden Abgabetiere aus Tierheimen, vom VWFD oder ähnlichen gemeinnützigen Organisationen übernommen, bei denen eine Vorgeschichte in den meisten Fällen nicht bekannt ist.

Was hat dies nun aber alles mit der ursprünglichen Frage nach den Elterntieren zu tun? Diese Frage kann ganz schnell mit einem sehr faden Beigeschmack gestellt werden nämlich dann wenn bei einer gekauften Nachzucht Probleme in Form von Krankheiten auf treten. Man schlägt die Hände über den Kopf zusammen und die erste Frage lautet: Um Himmels Willen, wer waren die Elterntiere?! Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Zum ersten muss zwischen Krankheit und Krankheit unterschieden werden.

Krankheiten aufgrund von Linienzucht/ Vererbung:  man ist geneigt vieles auf die Linienzucht und deren Nachkommen zu schieben, da hier oft die optischen Merkmale in einer Zucht die entscheidende Rolle spielen. Sicher ist, dass Linienzucht Lethalfaktoren begünstigt und leider nicht nur optische Merkmale positiv weitergibt sondern eben auch o.g. negative Faktoren. Vorwiegend reden wir hier über Organschäden und Fruchtbarkeit, sowie eine generelle Lebenserwartung. Aber auch die Aussage oder Vermutung dass die Elterntiere wohl aus langjähriger Linienzucht stammten  und daher der Schaden an der Nachzucht Auftritt ist mit Vorsicht zu genießen.  Eine Nachzucht welche im Alter von beispielsweise 2 Jahren einen Leberschaden erleidet oder gar eine Schilddrüsenvergrößerung kann genauso gut längerer Zeit einer schlechten, mangelhaften Ernährung ausgesetzt gewesen sein. Ein Umstand, der nicht das Geringste mit den Elterntieren gemein hat.

Ansteckende Krankheiten: Dieses breit gefächerte Feld gleicht in der Gesamtheit einen Minenfeld und die Vermutung dass die Elterntiere schuld an einer Krankheit sind ist in vielen Fällen dem Tritt auf eine Mine gleichzusetzen. Hier hilft es nur mit gutem Fachwissen über Krankheiten sich folgende Punkte vor Augen zu führen:

  • Wie lang lebt der Vogel nun schon bei mir? Ein Vogel der an Trichomonaden erkrankt und 1 Jahr bei mir lebt wird diese wohl kaum vom Züchter und den Elterntieren mitgebracht haben

  • Ist es eine latente Krankheit? O.g. Beispiel mit dem Fall Megabakteriose lässt durchaus einen Rückschluss auf die Eltern zu

  • Habe ich mehrere Vögel aus einer Zucht, sind diese alle krank oder sogar Geschwister? Geschwister, die den gleichen Krankheiten erliegen legen den Verdacht nahe, dass in der Familie etwas nicht stimmt

  • Ist es eine Krankheit mit vertikaler Ansteckung? Dann ist die Chance, dass man diese vom Züchter eingeschleppt hat sehr wahrscheinlich

  • Ist es eine Krankheit mit horizontaler Ansteckung? Ein Punkt den man geneigt ist schnell zu übersehen. Anders formuliert: wie sieht mein eigener kleiner Vogelschwarm aus? Gerade ältere oder auch generell geschwächte oder mausernde Vögel, Vögel die eine Behandlung mit Antibiotika hinter sich haben greifen Krankheitserreger vom eigentlich erkrankten Vogel schneller auf, ohne dass der Ursprungsvogel überhaupt schon Symptome zeigt.
     

Es ist gut wenn man sich diese Punkte überlegt und versucht eine möglichst umfangreiche Antwort darauf zu erlangen. Hierbei sind Tierärzte, Foren, aber auch die Züchter selbst die richtigen Ansprechpartner. Generell ist es immer am Besten, bei einem Verdacht auf Krankheiten aus einer Zucht mit dem Züchter das vertraute Gespräch zu suchen. Dieses kann ruhig und ohne Vorwürfe zur Klärung des Sachverhaltes eröffnet werden. Natürlich wird jetzt jemand sagen:  Niemand wird zugeben dass er kranke Tiere verkauft. Das ist richtig. Allerdings ist ein Züchter bei latenten Krankheiten manchmal über Generationen „ahnungslos“ und jeder seriöse Züchter, der den Hinweis einer Krankheit bei einem seiner Nachzuchten bekommt, wird  darauf hin eigene Bestandskontrollen durchführen.  Wer ein offensichtlich  von vornherein krankes Tier kauft hat ohnehin meines Erachtens falsch gehandelt, denn solche Zuchten dürfen nicht unterstützt werden.

Letztendlich möchte ich damit sagen, dass wir umsichtig mit der Frage nach den Elterntieren umgehen sollten. Schnell ist ein Anruf mit der Frage nach den Elterntieren getätigt und man hat seine Auskunft ohne weitere Nachfrage erhalten. Man ist zu Haus wütend, man möchte (und das ist nur allzu menschlich) jemanden zum Sündenbock für sein erkranktes, geliebtes Tier machen. Und so zieht ein Ereignis das nächste nach sich denn schnell werden so Züchter denunziert, die in keinster Weise durch ihre Elterntiere zum Zustand der Nachzucht beigetragen haben. Allerdings kann und möchte ich auch nicht verschweigen dass es genug Fälle gibt in denen das durchaus der Fall sein kann. In meinen Augen hilft hier nur das sachliche, vernünftige Gespräch zur Klärung des Sachverhaltes. Und die Umsicht, so wütend man auch gerade über sein erkranktes, vielleicht sogar verstorbenes Tier ist, mit gesundem Menschenverstand und ohne vorzeitige Anschuldigungen, ungeklärte Faktoren zu bereinigen.

 

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